Bekann­te Unbe­kann­te. Gra­fik­de­sign in Öster­reich.

Posted on Sep 6, 2015 in Design, Grafikdesign

Bekann­te Unbe­kann­te

Ein Inter­view mit Nora Stö­ge­rer

Ver­öf­fent­licht am 10. Sep­tem­ber 2015 | Kate­go­rie: Gra­fik­de­sign

Jedes zehn­te Unter­neh­men in Öster­reich gehört der Krea­tiv­wirt­schaft an. Trotz­dem scheint Öster­reich in Bezug auf gra­fi­sche Gestal­tung weder im In– noch im Aus­land eine gro­ße Bekannt­heit zu haben. Laut Kul­tur­his­to­ri­ker Bern­hard Den­scher gehö­ren öster­rei­chi­sche Gra­fik­de­si­gne­rIn­nen mit ihren Arbei­ten zu den bekann­ten Unbe­kann­ten der visu­el­len Kul­tur des 20. Jahr­hun­derts. Wor­an das liegt und was genau öster­rei­chi­sches Gra­fik­de­sign aus­macht, damit beschäf­tigt sich die Publi­ka­ti­on von Nora Stö­ge­rer, wel­che das öster­rei­chi­sche Gra­fik­de­sign von ges­tern, heu­te und mor­gen vor­stellt. Nora Stö­ge­rer war so freund­lich uns eini­ge Fra­gen zu ihrem höchst­span­nen­den Buch zu beant­wor­ten.

Was hat dich dazu moti­viert ein Buch über Gra­fik­de­sign in Öster­reich zu ver­fas­sen?
Die Idee ent­stand aus mei­nem Bedürf­nis her­aus, mehr über die Sze­ne und den Beruf, den ich aus­übe, zu erfah­ren. Bis vor kur­zem hat­te ich noch wenig Ahnung über die Ent­wick­lung des Gra­fik­de­signs in Öster­reich und wie die Design-Sze­ne aktu­ell aus­sieht. Im Rah­men mei­nes Mas­ter­stu­di­ums habe ich dann beschlos­sen, bei­des genau­er zu betrach­ten und mir selbst ein Bild davon zu machen. Aus die­ser Unter­su­chung ist dann schluss­end­lich das Buch »Bekann­te Unbe­kann­te« ent­stan­den.

Kannst du uns kurz erzäh­len, auf wel­che span­nen­den Inhal­te sich der Leser freu­en kann?
Das, was die­ses Buch beson­ders macht, ist sei­ne Viel­falt. Zu Beginn habe ich viel über die Ent­wick­lung des Gra­fik­de­signs in Öster­reich gele­sen und ver­gli­chen, was zeit­gleich in ande­ren Län­dern pas­siert ist. Das ers­te Kapi­tel Ges­tern fasst dies als Über­blick zusam­men und stützt sich dabei vor allem auf die wich­ti­ge For­schungs­ar­beit von Ani­ta Kern.

Für Kapi­tel 2, ›Heu­te‹ habe ich Desi­gne­rIn­nen in ganz Öster­reich besucht und inter­viewt. Ich woll­te wis­sen, wie sie die Design­sze­ne in Öster­reich wahr­neh­men, gleich­zei­tig woll­te ich aber natür­lich auch so viel wie mög­lich über die Per­so­nen selbst erfah­ren. Span­nend fand ich, zu hören, dass die Desi­gne­rIn­nen oft auf inter­es­san­ten Wegen zum Gra­fik­de­sign gekom­men sind. Eli­sa­beth Kopf, zum Bei­spiel, Desi­gne­rin und Pro­fes­so­rin an der Ange­wand­ten in Wien, war ein­mal Taxi­fah­re­rin und ist zufäl­lig zum Gra­fik­de­sign gekom­men.

Das letz­te Kapi­tel, in wel­chem ich mich mit dem Mor­gen aus­ein­an­der­set­ze, ist ein Pro­jekt, in das 19 Jung­de­si­gne­rIn­nen bzw. Stu­di­os invol­viert waren: Die Desi­gne­rIn­nen haben die Fra­ge beant­wor­tet, was öster­rei­chi­sches Gra­fik­de­sign für sie aus­macht. Ihre Ant­wor­ten wur­den dann an eine/n Desi­gne­rIn wei­ter­ge­lei­tet und von die­sen visua­li­siert. Die Ergeb­nis­se sind sehr span­nend und inter­es­sant gewor­den und ich bin noch immer total begeis­tert, dass wirk­lich alle mit­ge­macht haben.

Zu wel­chen neu­en Erkennt­nis­sen bist du gekom­men bzw. wel­che Aus­sa­gen haben dich beson­ders fas­zi­niert?
Bei den Inter­views wur­de mir oft das bestä­tigt, was ich durch die Beschäf­ti­gung mit der His­to­rie erfah­ren hat­te. Es gibt in Öster­reich kei­ne gro­ße Tra­di­ti­on mit stil­bil­den­den Ent­wick­lun­gen, ver­gleich­bar mit dem Bau­haus oder der hfg ulm in Deutsch­land oder der Schu­le für Gestal­tung Basel in der Schweiz. Nach und nach wur­de auch immer offen­sicht­li­cher, dass der Haupt­grund dafür in den Aus­wir­kun­gen des Zwei­ten Welt­krie­ges und der kon­ser­va­ti­ven Stim­mung in der Nach­kriegs­zeit begrün­det liegt. Vie­le Desi­gne­rIn­nen sind emi­griert oder ermor­det wor­den. Vie­le die geblie­ben sind, woll­ten nach dem Krieg ihre Arbei­ten nicht mehr zei­gen. Es gab auch eini­ge, die in der Pro­pa­gan­da der Nazis mit­ge­mischt hat­ten. Es hat lan­ge gedau­ert, bis die­ser Ein­bruch über­wun­den war.

Bekannte Unbekannte. Grafikdesign in Österreich.

Bekann­te Unbe­kann­te. Gra­fik­de­sign in Öster­reich, gebun­de­ne Aus­ga­be mit 450 Sei­ten

Bekannte Unbekannte. Grafikdesign in Österreich.

Innen­an­sicht mit einem Tou­ris­mus­pla­kat von Joseph Bin­der

Bekannte Unbekannte. Grafikdesign in Österreich.

Hand­ver­le­sens Bild­ma­te­ri­al visua­li­siert die Geschich­te von Gra­fik­de­sign in Öster­reich opti­mal

Bekannte Unbekannte. Grafikdesign in Österreich.

Span­nend Inter­views mit zeit­ge­nö­ßi­schen Desi­gnern

Fas­zi­niert haben mich vie­le Aus­sa­gen: Zum Bei­spiel eine von Ani­ta Kern, dass der Desi­gner Wal­ter Bohatsch erst in den 1980ern an der Ange­wand­ten in Wien den Stu­die­ren­den in einem Neben­fach etwas von Schwei­zer Ras­ter­sys­te­men bei­gebracht hat. Oder die Aus­sa­ge von Cathe­ri­ne Rol­lier (Desi­gne­rin und Pro­fes­so­rin an der FH Joan­ne­um in Graz), dass sie, als sie in den 1980ern aus der Schweiz nach Wien kam, nur ver­ständ­nis­los ange­se­hen wur­de, als sie von Schwei­zer Pio­nie­ren wie Armin Hof­mann, Adri­an Fru­ti­ger oder Wolf­gang Wein­gart erzähl­te. Die Namen waren ein­fach nicht bekannt.

Wie hast du die Her­aus­for­de­rung gemeis­tert, das Buch zu rea­li­sie­ren?
Die Kon­zep­ti­on und Rea­li­sie­rung des Buches war natür­lich schon eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung. Da gab es auch die eine oder ande­re Kri­se. Zum einen hat die Recher­che­ar­beit sehr viel Zeit in Anspruch genom­men. Es hat lan­ge gedau­ert, bis ich mir eine Basis an Wis­sen geschaf­fen hat­te. Auch der zwei­te und drit­te Teil mei­nes Buches, waren sehr zeit­in­ten­siv. Man muss beden­ken, dass ich mit über 30 Per­so­nen bzw. Stu­di­os regel­mä­ßig im Kon­takt gestan­den bin. Das war ein gro­ßer orga­ni­sa­to­ri­scher Auf­wand. Geschafft habe ich das durch viel Dis­zi­plin, gutes Zure­den und Auf­mun­te­run­gen von Freun­den und die oft sehr net­ten E-Mails und Reak­tio­nen von den Betei­lig­ten. Das hat mich moti­viert!

Wie kann man das Pro­jekt unter­stüt­zen?
Der Schwei­zer Ver­lag, bei dem das Buch publi­ziert wer­den soll, ist gera­de erst gegrün­det wor­den. Andrea Wie­gel­mann und Kers­tin Fors­ter, bei­de waren schon vie­le Jah­re zuvor im Ver­lags­we­sen tätig, haben sich mit dem Tri­est Ver­lag Anfang des Jah­res selb­stän­dig gemacht. Mein Buch ist das zwei­te Buch, das nach dem Design­klas­si­ker Schiff nach Euro­pa von Mar­kus Kut­ter bei Tri­est erschei­nen wird. Da die Druck­kos­ten rela­tiv hoch sind, haben wir nun beschlos­sen, das Buch­pro­jekt auf die Crowd­fun­ding Platt­form we make it zu stel­len. Wir hof­fen dar­auf, vie­le inter­es­sier­te Leu­te damit zu errei­chen und sie zu über­zeu­gen, uns bei der Buch­ver­öf­fent­li­chung zu unter­stüt­zen.

Vie­len Dank für das Inter­view.

Jetzt unter­stüt­zen

Wir durf­ten uns schon in das Buch ein­le­sen und kön­nen vor­ab ver­ra­ten, dass es für alle an Gra­fik­de­sign Inter­es­sier­ten höchst­in­ter­es­sant ist.

Auf wema­keit sup­por­ten

Nora Stö­ge­rer

Nora Stögerer
Nora Stö­ge­rer schloss 2014 ihren Mas­ter in Design an der FH Pots­dam ab. Das Buch »Bekann­te Unbe­kann­te. Gra­fik­de­sign in Öster­reich.« hat sie im Rah­men ihrer Mas­ter-Abschluss­ar­beit kon­zi­piert, geschrie­ben und gestal­tet. Der­zeit arbei­tet sie als frei­be­ruf­li­che Gra­fik­de­si­gne­rin in Ber­lin.
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